
Vor einigen Jahren erschien in einer Musikzeitschrift eine Geschichte über Tom Morello, den Gitarristen von Rage against the Machine, der vor persönlichen Objekten, die ihm wichtig waren, posierte. Unter Gitarren, Platten und Büchern befand sich auch ein Bilderrahmen, der auf den ersten Blick leer zu sein schien. Folgte man der Linie vom Bild zum Textblock, fand man die Erklärung Morellos: “Ein Haar von Secretariat!”
Morello erklärt in der Geschichte nicht, wie es zu seiner Verbindung mit Secretariat kommt. Er erzählt nicht von Kindheitserinnerungen, die der 1964 geborene Musiker durchaus noch haben könnte an den Siegeszug des Rennpferds im Jahre 1973. Vielleicht liegt die Sympathie in der Gemeinsamkeit des Urknalls, mit dem beide auf ihren jeweiligen Bühnen erschienen sind. Das 1992 erschienene Debut von Rage against the Machine war eine musikgewordende Kampfansage, Secretariat pulverisierte Kontrahenten und stellte Bahnrekorde auf, von denen manche bis heute bestehen. Vielleicht ist es daher nur stimmig, dass Morello, dem man kaum unpolitische Zerstreuungsabsichten in seiner Musik unterstellen kann, ein Haarbüschel eines Tieres über eine Auszeichnung der Musikindustrie stellt.
Secretariat war 1973 das erste Rennpferd seit 25 Jahren, das die amerikanische “Triple Crown”-Serie gewinnen konnte. Das Foto von Bob Coglianese, auf dem ein enfesselter Secretariat im letzten Rennen im Belmont Park am Zielpfosten 31 Längen vor seinen Gegner liegt, ist eine der legendärsten Aufnahmen des Rennsports und wurde von Sports Illustrated zu den 100 besten Sportaufnahmen des 20. Jahrhunderts gewählt – wenn man so will, das Galoppsport-Pendant zu Alberto Kordas Aufnahme des Che Guevara, die seit Jahrzehnten auf T-Shirts und Fahnen um die Welt geht. Das Rennen hat auch nach dem hundersten Mal Sehen noch Gänsehautgarantie.
Es ist nicht gesichert, ob Morello die jüngste Verfilmung “Secretariat – ein Pferd wird zur Legende” gesehen hat und wie seine Reaktion war, aber es ist anzunehmen, dass er nicht eben freudestrahlend aus dem Kino gekommen wäre. In der Hollywood-Variante der wahren Geschichte von Penny Chenery (Diane Lane), vierfacher Mutter und Hausfrau, die die Pferdezucht ihres schwerkranken Vaters übernimmt und dabei nicht nur gegen die Widerstände in ihrer eigenen Familie, sondern in einer männerdominierten Szene zu kämpfen hat, bleibt kein Schmalztiegel ungefüllt. Mit dem ihr zur Seite stehenden, kauzigen Trainer Lucien Laurin (John Malkovich) und dem Glück des Wunderpferds hätte man einen Film machen können, der neben Rennsportliebe ein Dokument der Zeit der 70er Jahre entwirft, wie es beispielsweise “Seabiscuit” mit Tobey Maguire und Jeff Bridges 2003, der zur Zeit der Großen Depression spielt, sehr viel besser gemacht hat. Leider aber will “Secretariat“ sowohl Kinderfilm als auch Erwachsenendrama sein, ist weder das eine noch das andere und erstickt in pathetischen Dialogen, melodramatischer Musik und zweifelhaften Szenen – wie etwa jener, als sich Secreatariat und Sham, sein großer Rivale, vor dem letzten Rennen im Belmont Park in den Startboxen praktisch in die Augen gucken wie Mike Tyson und Evander Holyfield.
Vor den nun bevorstehenden letzten beiden Rennen der US-’Triple Crown’ – den Preakness Stakes am 19. Mai in Baltimore und den Belmont Stakes am 9. Juni in New York – könnte es zu einem neuen Zweikampf kommen. Bodemeister und I’ll have another heißt das Duell, auf das sich die Augen in diesem Jahre richten werden, nachdem I’ll have another den Favoriten auf dem letzten Meter des Kentucky Derby noch abgefangen hatte. Seit Affirmed im Jahre 1978 hat es keinen Gewinner der “Triple Crown“ mehr gegeben – das sind stolze 34 Jahre, und im US-amerikanischen Rennsport wartet man darauf in etwa so gespannt wie in der Arthur-Saga auf den Auserwählten, der Excalibur aus dem Fels ziehen kann.
Das Gute daran: Jedes Jahr nach dem Kentucky Derby gibt es einen neuen Kandidaten. Zumindest bis zu den Preakness Stakes. Sollte es I’ll have another schaffen, wäre er in einem illustren Kreis aufgenommen und könnte sich bis an sein Lebensende nur noch den Nacken kraulen lassen, für Erinnerungsfotos Spalier stehen und Nachkommen zeugen. So wie Secretariat, der 1989 auf der Claiborne Farm in Paris, Kentucky, beigesetzt wurde. Vielleicht hatte Tom Morello sein Souvenir ja von dort geholt.




